Karin Nedela english version
Literatur
 
Karin Nedela, Herzkönigin im Wunderland
 

Die kleine Alice durchlebt, erfüllt von Sehnsüchten und ungestillten Wünschen, eine Kindheit in einem Land voller seltsamer Beuteltiere, exotischer Pflanzen, Schlangen in der Waschküche und Echsen unter dem Haus. Aber auch Einsamkeit und Angst gehören zu diesem »Wunderland«.

Die große Alice hat ein Problem. Obwohl sie, genau betrachtet, als emanzipierte, erwachsene Frau eigentlich gar kein Problem hat. Trotzdem, es wäre doch mal schön ... ein netter Mann, oder etwa nicht? Prompt verknallt sie sich, höchst überflüssigerweise, wie sie selbst meint.

Dieses Buch hat mehrere Ebenen: zum einen die Erlebnisse des kleinen Mädchens Alice in Australien, zum anderen die durchaus alltägliche Liebesgeschichte der erwachsenen, inzwischen in Deutschland lebenden Frau, erzählt in selbstironischen, manchmal grotesk übersteigerten Monologen. Es ist kein »Kindheitsroman«, schon gar kein »Beziehungsroman«, sondern eine Komposition mit zwei Themen, kleinen Variationen, Wiederholungen und Modulationen und, nicht zu vergessen, Trugschlüssen.

 
Das Buch kann bei der Autorin zum Preis von EUR 7,50 plus Versand bestellt werden.
 

Leseprobe:

Und >Danny Boy< ist doch ein schönes Lied!
Westport ist die größte Stadt der irischen Grafschaft Mayo. Genaugenommen ist es die einzige Stadt in Mayo. Verwaltungszentrum, Einkaufszentrum, Endpunkt der Eisenbahnlinie, nicht zu vergessen das hochherrschaftliche Westport House, Zeugnis grandios architektonischer Vergangenheit und Hort unschätzbarer Kunstwerke der bedeutenderen irischen Meister. Was sich meinen müden Augen bot, als ich eines verregneten Nachmittags aus dem Zug stieg, war genau das, was ich erwartet hatte: ein graues, nasses, miserables Nest.

Ich suchte mir ein Quartier in einer kleinen Pension und ging dann die örtlichen Sehenswürdigkeiten besehen. Die wenigen offenen Geschäfte schienen vom Verkauf grüner Gummistiefel, Wollsocken, Angelausrüstungen und Schokoladenriegeln zu existieren. Pflichtgemäß kaufte ich ein Paar dicke weiße Wollsocken, so etwas kann man ja immer gebrauchen. Wer sonst noch hier einkaufen mochte, blieb mir unklar, auf der Straße war kaum ein menschliches Wesen zu sehen. Eine nicht ganz so häßliche Brücke überspannte ein Flüßchen. Plötzlich lief eine junge Frau mit einem grellrosa Regenschirm darüber.

Westport House war natürlich geschlossen; es war viel zu früh im Jahr, erst für die Touristensaison wurde aufgemacht. Der so berühmte Garten war heruntergekommen und träumte triefend vor sich hin, ich wage nicht zu vermuten, wovon. Ich ging die Landstraße hinunter, um ans Meer zu kommen. Das hatte sich allerdings zu der Zeit zurückgezogen, und meine Bemühungen wurden mit einem Blick auf von übelriechendem Tang bedeckte Steine und einige halbverrottete Ruderboote belohnt.

Schließlich trieb mich der heftiger werdende Regen in ein Pub. Es war eins von der freudlosen Sorte, ein paar kleine, klebrige Tischchen, schmieriger Linoleumboden. Aber es gab ein kleines Torffeuer. Zwei Männer versuchten gerade, einen dritten, offensichtlich den Dorftrottel, mit Hilfe von Bier und Whiskey zum Singen zu bringen. Dieser Mensch war undefinierbaren Alters, unrasiert, mit strähnigem Haar und blutunterlaufenen Augen. Die Zähne hätten jeden Zahnarzt erbleichen lassen. Seine Kleidung war verdreckt. Die Hosenbeine waren viel zu lang, ausgefranst und schleiften am Boden. Endlich tat der Alkohol die erwünschte Wirkung.

Er sang. Ausgerechnet »Danny Boy«, diese abgedroschenste aller irischen Schnulzen. Oh, Daanny Boy... 'tis you, 'tis you must go and I must bide. ("Du mußt gehen, und ich muß bleiben", wie banal sich das im Deutschen anhört.) Er sang so klar und schön, daß ich augenblicklich vergaß, wie blöde ich dieses Lied immer gefunden hatte. Dann sang er eine Ballade, "The Maid of Athenry", über eine Frau, die das traurige Schicksal ihres Geliebten beklagt. Er liegt in Ketten auf einem Schiff in der Bucht und soll nach Australien in die Strafkolonie abtransportiert werden, weil er an einem der ständigen Aufstände gegen die Engländer teilgenommen hatte. Natürlich, was sonst; über jemanden, der Kartoffeln klaut, singt man selten Lieder.

Irgendwann war die kleine Tochter des Wirtes aus einer Hinterkammer gekommen. Sie stützte sich auf den Tresen und hörte völlig entrückt zu. Um das Foto zu machen, benutzte ich ein Whiskeyglas als Stativ. - Das Bild: Ein etwa zehnjähriges Mädchen, im Profil, das ins Dunkel schaut, ein Männergesicht ist zur Hälfte zusehen, im Vordergrund ein Guinnessglas.

Der Tag war aber noch nicht zu Ende. Ich ging zurück in die Stadt und aß dort etwas. Die Tatsache, daß ich mich überhaupt nicht erinnern kann, was und wo, läßt auf einen barmherzigen Verdrängungsmechanismus schließen. Eine Weile wanderte ich in dem wie ausgestorbenen Ort herum. Die Zeit totzuschlagen soll ja ein Kapitalverbrechen sein, aber ich blieb unschuldig aus Mangel an Mordwaffen. Inzwischen war es dunkel geworden. Von fröhlicher Musik und Gelächter zu einer Kneipe gelockt, wurde mir an der Tür erklärt, es handele sich um eine private Feier.

Endlich fand ich ein offenes Pub. Es war, bis auf ein paar Jugendliche, die Billard spielten, leer. Anscheinend war fast das gesamte Kaff bei der privaten Party. Ich setzte mich an die Theke und trank unter den mißbilligenden Blicken des Wirtes ein großes Guinness. Ein Fernseher flimmerte unbeachtet in der Ecke, Pferderennen. Nach dem zweiten Guinness und dem vierten Pferderennen ging ich.

Da mir nicht viel anderes übrigblieb, ging ich zu meinem Zimmer. Es war kalt und roch muffig. Ich zog mein Schlafzeug an und legte mich in das klamme Bett. An Schlaf war überhaupt nicht zu denken. Im Nebenzimmer gab sich ein Pärchen laut und vernehmlich der Liebeslust hin. Obwohl ich mir große Mühe gab, es zu unterdrücken, mußte ich auf einmal sehr heftig husten. Augenblicklich wurde es nebenan still. Kurze Zeit später wurden die Aktivitäten wieder aufgenommen, allerdings etwas gedämpfter. Ich weiß nicht, wie lange ich wachlag, aber irgendwann schlief ich dann doch noch ein.

Am nächsten Morgen, beim Frühstück, sah ich das feurige Liebespaar. Sie war dünn, blaß, mit vorstehenden Zähnen; er der rotgesichtige Typus mit Bauchansatz. Ihr war es zuerst sichtlich peinlich, mich zu sehen, aber er grinste mir selbstgefällig entgegen. Ich mußte plötzlich lachen. Die beiden wußten nicht, warum, aber sie lachten mit.

 
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